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Als Phil das Boot zum ersten Mal gesehen hatte, wusste er, dass endlich gefunden war, wonach er so lange gesucht hatte.
Aufgebockt auf massive Hartholzpfähle stand es etwas abseits auf dem Hof einer kleinen Bootswerft, provisorisch abgedeckt durch eine ehemals stabile Nylonplane, an der bereits der Zahn der Zeit genagt hatte. Das Boot war alt, dafür aber in der typischen, robusten Bauart der hiesigen Küstengewässer auf Kiel gelegt worden.
Der schlanke, gut getrimmte und in Klinkerbau komplett aus Eiche gezimmerte Rumpf war etwa vierzig Fuß lang. Mit ihrem hochgezogenem Vorschiff und dem stabilen Ruderhaus erlaubte es diese entlang der Küste durchweg gebräuchliche Form, auch bei rauer See sicher zu navigieren.
Ursprünglich einmal angetrieben durch einen umgebauten Truckdiesel, war es mittlerweile mit einem robusten Caterpillar Marine Diesel Motor ausgestattet.
Gut, das Boot war keine Schönheit mehr, aber durch den Einsatz von Spachtel, Farbe und Arbeit, sollte es einen Großteil seines ursprünglichen Glanzes zurückerlangen.
Phil war überzeugt davon, aus diesem alten Boot wieder etwas Besonderes machen zu können und obwohl er sich nichts mehr wünschte, als dieses Schiff irgendwann sein eigen nennen zu können, sollte es bis dahin jedoch noch viel Zeit gebrauchen.
Er war noch nicht lange hier oben angekommen und hatte sich ein möbliertes Zimmer im Ort gesucht.
So weit nördlich die Küste hinauf war er noch nie vorher gewesen.
Die karge, größtenteils felsige Landschaft hier war zwar unbekannt, doch kam ihm alles seltsam vertraut vor.
Aufgewachsen in einer der Industriestädte an den Großen Seen, die ihm keine erstrebenswerte Perspektive bieten konnte, hatte Phil die letzten Jahre das Leben eines quer durchs Land reisenden Vagabunden geführt. (...)

(...) Schon mehrfach war Phil unten bei dem Boot gewesen, doch immer wieder hatte ihn die eigene Courage verlassen und er war letztendlich unverrichteter Dinge wieder vom Hof geschlichen.
Bei einem der Besuche endlich sprach ihn der Werftbesitzer direkt an.
„Is’n feines Schiff“, sagte er, „kenn’ den vorigen Skipper gut.“
Phil hatte vor dem ehemals weißen Rumpf gestanden, von dem mittlerweile die Farbe abblätterte und sich ausgemalt, wie dieser mit ihm die Küste entlang durch die tiefblauen Wellen pflügen würde.
„...’tschuldigung, ich hab’ sie nicht kommen hören“, murmelte er und drehte sich um.
Der Besitzer der Werft streckte ihm seine Hand entgegen und stellte sich formlos vor. „Burrow, Jim Burrow von „Burrow’s Sales & Repairs” Sie verstehen was von Booten, oder?“
„Mein Name ist Philipp Mitchell.“ Er war erstaunt darüber, wie ruhig seine Stimme klang. In seinem Inneren jedoch verspürte er eine starke Anspannung, jetzt wo der erste Schritt getan zu sein schien. „Ich bin an dem Boot interessiert.“
„Dass sie interessiert sind, ist mir schon aufgefallen, Phil. Schließlich hab’ ich sie in letzter Zeit öfter hier gesehen.“
Jim Burrow war ein kleiner, untersetzter Mann in den Fünfzigern, der in einem verblichenen grauen Monteursoverall steckte.
Der Reißverschluss spannte über seinem Bauch und in der linken Hand hielt er eine Flasche Heineken. Ein fleckiges, rotes Tuch hing aus der Gesäßtasche des Overalls.
Seine Erscheinung vermittelte eher den Eindruck eines Mechanikers als eines Werftbesitzers.
„Ich würd’ ihnen ’n guten Preis machen wollen für die alte Lady, wenn wir ins Geschäft kommen.“
Phil zögerte. Sollte er sofort auf Burrow eingehen, könnte dies den Preis des Bootes beträchtlich in die Höhe treiben.
„Hat auch schon ’mal bessere Zeiten gesehen! Wie lange liegt es schon hier bei ihnen?“ Er hatte beschlossen, vorsichtig an die Sache heranzugehen.
„Etwa ein Jahr. Der Vorbesitzer konnte die täglich notwendigen Touren nicht mehr machen und irgendwann drehte die Bank den Geldhahn zu. Hat noch’n schönen neuen Diesel bekommen, kurz bevor sie herkam.“ (...)

(...) Ein Gefühl tief in seinem Herzen sagte ihm, dass dieses Boot nur auf ihn gewartet hatte. Es war stabil und robust, ein Boot, auf das man sich in allen Situationen verlassen konnte.
Er wollte dieses Boot haben, unbedingt.
Als Burrow den Preis nannte, schluckte Phil, ließ sich aber nichts anmerken.
Soviel hatte er nicht erwartet, nicht für dieses alte Boot. Es war unmöglich für ihn, so eine Summe aufzubringen. Keine Bank würde ihm Kredit gewähren, welche Sicherheiten konnte er denn schon bieten?
Außer seinem rostigen Pick-Up und ein paar persönlichen Habseligkeiten hatte er nichts - das Resultat des unsteten Lebens, das er so lange geführt hatte.
In seinem Kopf arbeitete es. Im Geiste überschlug er seine möglichen monatlichen Einkünfte und Ausgaben, doch wie auch immer er es drehte, es würde nicht reichen. Aufgeben jedoch wollte er auch nicht. Nicht jetzt, wo endlich ein Ziel auf ihn wartete. Ein Ziel, für das er bereit war, zu kämpfen.
„Der Preis is’ zu hoch für’n altes Boot in diesem Zustand! So wird’s sicher noch’n weiteres Jahr oder länger auf’m Hof stehen bleiben. Ich komm’ dann wieder vorbei.“
Phil verabschiedete sich freundlich, drehte sich um und machte Anstalten, den Hof zu verlassen. Er versuchte herauszufinden, wie weit Burrow bereit war, ihm entgegen zukommen.
Der Werftbesitzer überlegte ebenfalls.
Er konnte es sich nicht leisten, Kapital lange stehen zu haben denn die Geschäfte liefen schlecht hier in der Gegend. (...)


(...) Der Verkauf dieses Schiffes würde ihm etwas Luft verschaffen. Oft bereits hatte er sich verflucht, das Boot überhaupt gekauft zu haben, es war eigentlich eine Nummer zu groß für ihn gewesen.
„Lassen Sie uns in mein Büro gehen, Phil“, beeilte sich Burrow zu sagen, „wir werden uns schon einigen können.“
Phil war sich nicht mehr sicher.
Zu viele Misserfolge hatten ihn vorsichtig gemacht.
Wie oft schon hatte er seine Pläne geändert oder aufgegeben weil sie sich nicht realisieren ließen?
Wie oft war er vor Entscheidungen davongelaufen, wenn es darauf ankam?
Doch diesmal war es was anderes. Dieses Boot hier war was anderes. Er fühlte, er wusste, diesmal war die Entscheidung zu bleiben, richtig. (...)